Als der Wahnsinn gehen lernte

Als der Wahnsinn gehen lernte

Seit 23.09.2016 bin ich im Krankenstand. Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung bzw. schwere depressive Episode mit einer Dissoziativen Störung und einer Angststörung, sprich Burnout gemischt mit einem Trauma. Aber wie kam es dazu? Was löst das alles nach 4 Jahren aus? Der Anfang des Ganzen liegt 4 ½ Jahre zurück, ein Tag, der 26.04.2012, der alles veränderte. Dieser Tag war der Geburtstag meines Sohnes Richard. Eine Geburt, die um Haares Breite das Leben meine Frau und meinen Sohn genommen hat.

4 Jahre lang kämpfte meine Frau Maria, einen Weg zurück ins Leben zu finden. Nach außen ließ sie sich jedoch nichts an kennen. Aber jeder Tag war begleitet mit Erinnerungen, Ängsten und „Triggern“. In dieser Zeit war ich für Maria und meine Kinder da. Versuchte Maria immer zu stärken, spürte jede Kleinigkeit, die sie gerade brauchte.

Selbst fernsehen am Abend eine gewagte Sache, denn ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft eine TV-Vorschau von einer Krankenhausserie oder eine Szene von einer Operation kommt und genau diese lösten bei Maria was aus. Ein Zustand, sie schloss die Augen, redete nichts mehr saß einfach nur da, schaute starr danach auf einen Punkt. Dieser Zustand, auch als Dissoziation bekannt, dauerte oft bis am nächsten Tag.

Letztes Jahr begann Maria eine neue Therapie bei Psychotherapeutin Dr. M. Diese half ihr Mittels EMDR, das Erlebte soweit zu verarbeiten, dass Maria mit dem Erlebten lernte, um zu gehen. Maria kam wieder zurück ins „Leben“. Sie beendete heuer im Frühjahr erfolgreich ihre Therapie und wollte einfach wieder das Leben genießen.

Doch da begann es bei mir. Jede kleine Diskussion endet in einem Streit, ich verstand nicht, was auf einmal anders war. Es begann, dass alles was ich Maria versuchte zu sagen, bei ihr anders ankam. Was sie mir sagte und erklärte nahm ich, aus jetziger Sicht, oft falsch auf. Es bildeten sich zwei Welten in meinem Kopf. Die eine Welt, wo durch die entstandenen Verlustängste, eine Geschichte entstand, die nie real war, sich aber damals so anfühlte. Immer mehr verspürte ich, dass ich sie verlieren könnte. Ich unterstellte Maria Sachen, die nie passiert sind oder niemals ihr Plan waren. Ich begann zu klammern. So war ich doch früher nicht!?! In klaren Momenten, verstand ich, was gerade falsch lief – meine zweite Welt in meinem Kopf. Doch das Switchen zwischen meinen Welten, ging oft in Sekunden!

Ich vergrub mich in Arbeit und Ehrenamt. Immer mehr legte ich meine Hobbies zurück, schob die Arbeit vor, habe keine Zeit mehr dafür. Tausend Sachen, die ich alle erledigen will, immer mehr…

Alles änderte sich, es gab immer weniger positive Sachen, konnte nur noch das negative sehen. Selbst wenn Freunde zu Besuch kamen, „schimpfte“ ich nur noch über Gott und die Welt. Maria machte mich des Öfteren aufmerksam, ich soll doch nicht nur schimpfen, aber was sollte ich dann, gab ja nichts Positives. Immer mehr zog ich mich zurück. Brach viele, beinahe alle sozialen Kontakte ab. Wollte keinen mehr sehen. Weiteres kam langsam das Gefühl, die Welt richtete sich gegen mich, alle sind gegen mich und es passieren Sachen hinter meinen Rücken! Ich verstand die Welt nicht mehr.

Maria und ich diskutierten immer wieder und stritten wegen der Situation. Sie sagte, sie kennt mich nicht mehr, ich hätte mich so verändert. Ich? Warum ich? Ich hatte ja eigentlich nur Angst um meine Familie! Würde es allen gerne recht machen, doch alles was ich tat, ging in eine falsche Richtung. Maria versuchte alles, dass es mir wieder besser ging. Sie verzichtete in dieser Zeit auf vieles, was sie damals gebraucht hätte. Nur um mir zu Helfen, aber das konnte ich nicht sehen.

Meine Leistung ging zurück, in meinem Beruf, in meiner Firma, konnte ich immer weniger erledigen, jedoch das Gefühl des Druckes wuchs. Eine permanente Rufbereitschaft, die mich nie störte, belastete mich schlagartig. Ich konnte nicht mehr schlafen, ständig kreisten meine Gedanken. Ich verlor in dieser Zeit ca. 27 kg. Mir fiel es immer schwerer, Entscheidungen zu treffen, selbst Kleinigkeit. Ich verstand auch immer weniger, selbst z.B. TV-Serien begriff ich nicht mehr, musste Maria über den Zusammenhang fragen. Das ging alles soweit, dass ich nichts selbstständig machen konnte, mir musste Maria was anschaffen, dass ich was erledigen konnte. Auch wenn ich alleine das Haus verließ, merkte ich ein Gefühl aus Angst und sonstigem, was ich nicht zuordnen konnte.

21.09.2016 – Der Tag des Zusammenbruches. Maria schickte mir eine per WhatsApp einen Zeitungsartikel, den ich mir lesen sollte, aber als ich den kurzen Artikel gelesen hatte, wusste ich nicht mehr was oben stand, ich begriff ihn nicht mehr. Als ich zu Hause ankam, brach ich zusammen. Konnte keinen Gedanken mehr halten, mein Körper zitterte, Panik und Angst war unvorstellbar groß. Ich dachte, alles geht gerade unter, …

Maria konnte die Situation auch nicht einschätzen, was da gerade passiert. Aber sie setzte mir „das Messer“ an. Entweder sie bringt mich jetzt in ein Krankenhaus oder ich suche selbst Hilfe auf. Krankenhaus löste noch mehr angst bei mir aus, so rief ich Dr. M. an, Die Psychotherapeutin, die Maria half.

Verzweifelt versuchte ich, ihr die Situation zu erklären. Dass ich nicht mehr weiter kann, dass ich nicht mehr kann, …

Dr. M. traf sich gleich am nächsten Tag mit mir, sie versuchte mir zu erklären, was da alles abging bei mir. Jedoch ich konnte es nicht verstehen. Alles war ganz klar, was war klar??? Nichts war klar!!!

Ab diesem Tag hat sich vieles verändert. Meine Ängste und Verlustängste sind noch größer, eine Gedankenspirale dreht sich rund um die Uhr, wie ich da raus komme, aber ich sehe keinen Weg. Auf meinen Beruf bezogene Sachen sind auf einmal nicht mehr in meinem Kopf, sind weg. Sachen von davor, fehlen mir die Erinnerungen, Bilder der Geburt, Szenen in meinem Kopf, schreckliche Erinnerungen sind plötzlich rund um die Uhr da. Verzweiflung. Bekomme Angstzustände, sobald ich mein Haus verlasse, Kontakt mit Menschen, Horror, selbst mit der eigenen Verwandtschaft. Kann mir nichts mehr merken, der ganze Körper angespannt, zittert, vergesse während einem Satz, was ich sagen wollte, oder wenn ich spreche, kommt ein Pause, wo nichts kommt, das Gefühl, mein Hirn bringt es nicht zum Mund. Kann nicht an eine Sache denken, selbst Kleinigkeit zu lesen, geht gerade nicht. Nach den ersten Sätzen ist es vorbei. Positive Sprüche, die mir Maria per WhatsApp schickt, verstehe ich Großteils nicht oder brauche eine Weile, muss sie mehrmals lesen, bis ich diese begreife. …. Alles was mit einer Arbeit zu tun hat, stellt es mich ab. Kann keine Mails mehr schreiben, nicht telefonieren, usw.  … Mir fehlen auf einmal emotionale Gefühle, wie Freude, Glück, Spaß, usw., kann nicht mehr lachen, nur noch Angst. Habe das Gefühl, ich bin eine leere Hülle.

Im Auftrag von Dr. M erstellt mir Maria einfache Tagesstrukturen, die ich erledigen sollte. Von einfachen Sachen rede ich von Dingen wie zwei bis drei Sachen, wie Geschirrspüler ausräumen oder ähnliches, die ich am Vormittag erledigen sollte und mich so forderten, dass es fast unmöglich erschien.

Aber andererseits sah ich mich auf einmal wie von außen selbst, sah wie ich gerade bin und konnte es nicht verstehen. Wie ein kleines Kind, hilflos.

Immer wieder lösten Sachen Zustände aus, die ich nicht begriff. Ich flüchtete auf die Terrasse, lief im Kreis und rauchte. Das Hirn zu 100% leer, verstand nicht, was dies auslöste, was geschah, ich wusste nicht, was gerade passiert war. Trigger – auf einmal habe ich sowas … Warum?

Dr. M. erklärte mir, was da gerade in meinem Hirn abgeht. 4 Jahre hat es das Erlebte verdrängt, um für Maria und die Kinder da zu sein und als dieses realisiert, dass es Maria wieder gut ging, brach ich zusammen. Die Verlustängste und Ängste zurück zuführen auf das, was bei der Geburt vorgefallen ist und Burnout.

Ich versuchte ständig, einen Lösungsweg zu finden, wie ich da wieder rauskomme. Und das so schnell als möglich und ohne dem üblichen Weg des System! Oft kam ich zu Maria, dachte ich habe die Lösung, doch Maria erklärte mir, dass das „keine Lösung“ ist, nur wirres Zeugs.

 

Tage später nickte ich auf der Couch kurz ein, kurze Zeit später erwachte ich und hatte was vor Augen. Griff zu Stift und Papier und skizierte es, machte einen Kreis nach dem anderen, Pfeile über Pfeile, füllte die Kreise mit Wörtern. Am Abende zeigte ich meine Idee Maria. Die erste Reaktion, die kam, ich bin verrückt. Sie ist gerade dabei unsere Existenz zu sicher und ich komm mit einem Ding, wo ich einen Bus kaufen möchte. Mir ging der Plan nicht mehr aus dem Kopf, weil ich sah in diesem den Weg, wie ich da selbst mich wieder raushebeln kann.

Am nächsten Morgen, als die Kinder außer Haus waren, setzte sich Maria zu mir.  Sie hatte eine Nacht über das Projekt nachgedacht, wollte mich und meinen Weg unterstützen, aber hatte auch noch Bedenken. Zum einen wollte sie unbedingt die Meinung der Psychotherapeutin abwarten, um sich nicht in ein Projekt zu stürzen, dass therapeutisch nicht funktionieren würde. Zum anderen dürfe das Projekt nicht das Haushaltseinkommen belasten. Sie gab mir die zusätzliche Aufgabe, zu überlegen, wie das Projekt finanzierbar sei. Aber bei allem was mir helfen würde, versicherte sie mir, mich voll und ganz zu unterstützen.

Beim nächsten Termin mit Dr. M. zog ich meinen Zettel mit dem Plan aus meinem Buch und begann ihr den Weg zu erklären. Dr. M.  sagte zu, dass sie mich auf diesem Weg psychologisch begleite, dass das alles auf dem richtigen Wege bleibe.

Somit war der Startschuss für das Project Blowball gegeben!

Posted on: 2016-12-01dpeltier

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