Die, die immer lacht

Die, die immer lacht

 

Fast 4 Jahre kämpfte ich mit Angststörungen und PTBS, doch kaum jemand merkte das. Nur beste Freunde und meine Familie wussten darüber Bescheid, und die meisten auch nicht alles, denn ich mache Dinge, die mich beschäftigen, am liebsten mit mir selbst aus.

Seit ich denken kann, bin ich Meister darin, Mauern zu bauen. Vor meiner Mauer bin ich eine Frau, die immer Lacht, doch vor Anderen zeigen, wie es mir geht, das mag ich nicht. Das passierte hinter meiner Mauer.

Als die Geburt meines zweiten Kindes mein Leben auf den Kopf stellte, lernte ich sofort wieder zu funktionieren. Schon im Krankenhaus wurden meine Gefühle und auch Schmerzen hinter der Mauer vergraben und ich funktionierte für meinen Sohn. Ich ließ mir Schmerzmittel geben, damit ich den Weg von der Geburtenstation zur Kinder-Intensivstation schaffte und wusste bald, wie lange diese anhalten. Ein paar mal, blieb ich zu lange bei meinen Sohn und der Weg zurück, war wieder eine Belastungsprobe für mich, aber das Vertrauen ins Krankenhauspersonal war verloren, somit kämpfte ich alleine.

Durch den ganzen Wahnsinn, ging ich, sowie mein Sohn aus der Intensivstation entlassen wurde, nach Hause. Es war eine unglaubliche Erleichterung, den Ort des Geschehens verlassen zu können.

Aber zu Hause, kamen dann Gefühle, die ich nicht kannte. Am besten konnte ich noch die Angst verstehen, meinen Sohn zu verlieren und die Angst um ihn, wegen den Folgeschäden. Aber ich hatte auch große Angst alleine zu sein. Ich hasste das Gefühl und durch das Alleinsein kamen zu viele Erinnerungen an das Erlebte. Ich hatte Angst einzuschlafen, denn das Erlebte verfolgte mich im Traum. Mein Mann hatte nach der Geburt eine Woche frei, dann kam der Alltag. Um nicht alleine zu sein, war ich mit den Kindern unterwegs, Spielplatz, Familienbundzentrum, Hauptsache Ablenkung. Wie es mir ging, erzählte ich kaum jemanden, denn die Angst davor, es könnte jemand nachfragen und einen Teil treffen der gar nicht ging, war zu groß. Ein paar Dinge konnte ich ohne Risiko erzählen, aber einiges löste sofort kalten Schweiß, Übelkeit und einen Druck in mir aus, als würde ich ersticken.

Dann kam der Tag, wo mein damaliger Trauma-Therapeut mit mir zum Krankenhaus fuhr. Ich war seither nicht mehr dort und beim Gedanken daran, wurde mir schon übel und meine Füße schienen den Boden nicht mehr zu berühren. Wir fuhren hin, schon beim Weg dorthin ging es mir schlecht, Übelkeit, schwitzen und frieren gleichzeitig und Mühe nicht umzukippen. Als wir dort ankamen, dachte ich, „Augen zu und durch“. Ich stand im Foryer des Krankenhauses, konnte mich nicht mehr bewegen, konnte nichts mehr sagen. Die Bilder von dem Erlebten schossen nur noch wild durch meinen Kopf und alles drehte sich. Ich zitterte, weil mir eiskalt wurde und schwitzte gleichzeitig. Mir war kotzübel. Irgendwann nahm mich der Therapeut unter den Arm und brachte mich aus dem Krankenhaus, ich konnte nicht mehr selbständig gehen, vor meinen Augen war alles schwarz und hätte er mich nicht festgehalten, wäre ich umgekippt. Dann übergab ich mich. Mein Therapeut rief damals meinen Mann an, er solle mich bitte abholen und das tat er auch.

Ab diesen Zeitpunkt konnte ich kein Krankenhaus mehr betreten, auch einige Ärzte lösten in mir diese Gefühle aus. Wenn meine Tochter krank wurde, diese fiebert immer so hoch, dass ein Krankenhausbesuch nicht ausgeschlossen war, hatte ich riesen Probleme. Ich könnte für sie nicht mehr beruhigend da sein, wie man es von einer Mutter erwarten würde, zu groß war die Angst mit ihr ins Krankenhaus zu müssen. Radfahren, Rollerfahren, Klettern, früher war ich als Mutter dabei entspannt, war immer der Meinung, dass man auch mal hinfallen muss, um zu Lernen. Grundsätzlich war ich der Einstellung immer noch, doch die Angst, ich müsste mit einem von Beiden ins Krankenhaus, überwiegte.

So lebte ich damit, Tag für Tag. Immer angespannt und froh, wenn wieder ein Tag geschafft war, wo sich kein Kind verletzte. Immer bemüht, meine Mauer zu halten, normal zu wirken und gewissen Themen aus dem Weg zu gehen. Ich gab mich in der Öffentlichkeit immer als lebenslustige, fröhliche Frau. Ich versuchte immer zu lächeln und glücklich zu wirken, denn eine fröhliche, glückliche Frau, wird man nie fragen, wie es ihr wirklich geht.

Aber auch für meinen Mann und meine Kinder versuchte ich, „normal“ zu wirken. Mein Mann bekam es leider ab und zu mit, denn diese sogenannten Trigger wurden auch durch Bildern von Ärzten und Krankenhaus ausgelöst. Fernsehen war wirklich zur Herausforderung geworden, denn mir war vorher nicht bewusst, wie oft Ärzte, Krankenhäuser, Geburten und OP´s im Fernsehen gezeigt werden. Aber im Familienleben, nahm ich keine Rücksicht darauf wie es mir ging. Ich funktionierte, machte alles um meiner Familie ein normales, glückliches Leben zu ermöglichen.

Nach 3 Jahren permanenter Anspannung und Vermeidung, die Therapie hatte ich damals abgebrochen, musste ich etwas tun. Ich fand eine Therapeutin, die meinte, sie könne mir mit EMDR Therapie helfen. Ja – sie schaffte es. Die Therapie war nicht einfach. Es war sehr, sehr anstrengend und wirkte meist noch viele Tage nach, aber am vierten Geburtstag meines Sohnes – Geburtstage waren immer ganz schwer, denn da kamen alle Erinnerungen auf einmal – merkte ich, dass die Erinnerung zwar nicht weg sind, werden sie nie sein, aber dass meine üblichen körperlichen Symptome ausblieben, beziehungsweise sich dezent verhielten.

Ich hatte es geschafft, ich habe mein Erlebtes, dank der EMDR Therapie, in mein Leben integrieren können. Die Angst, irgendwann selbst sich wieder in die Hände eines Chirurgen zu begeben ist da. Das mulmige Gefühl im Bauch, wenn Leute glauben, sie müssten bis auf Detail ihre letzte Operation beschreiben, ist auch da. Auch das Schwitzen, sobald ich ein Krankenhaus betrete ist geblieben. Und es ist mir bewusst, dass ich auf das gesamte Thema sensibilisiert bin. Aber ich kann wieder ohne permanenter Anspannung leben. Ich muss mich nicht permanent hinter meiner Mauer verstecken – ich habe es geschafft meine PTBS in mein Leben zu integrieren, ohne permanent Angst haben zu müssen, dass etwas triggern könnte, was mich umwirft.

Viele, die mich kennen, werden sich jetzt wundern, denn ich glaube mein Versteckenspiel war sehr gut. Ich war die, die immer lachte.

Heute möchte ich hier allen Mut machen, weiterzukämpfen.

Es wird nie wieder gut sein, aber es kann wieder so werden, dass das Leben wieder gut werden kann!

 

Meine Geburtsgeschichte habe ich im Blogbeitrag Rose Revolution Day veröffentlicht, da könnt ihr euch ein Bild machen, warum es zur PTBS und zu den Angststörungen gekommen ist. Bedanken möchte ich mich hier auch noch bei meiner Therapeutin, die mir durch die Therapie wieder ermöglicht hat, ein Leben ohne Ängste zu führen.

Maria

Posted on: 2017-03-16Maria Peltier

2 Gedanken zu „Die, die immer lacht

  1. Liebe Maria, lieber Dominik!

    Ich bin entsetzt. Ich habe eben euren Bericht gelesen.
    Wünsch euch von ganzem Herzen alles Gute und alle Kraft die es gibt.

    Seid fest gedrückt

    USCHI

  2. Hallo Maria, Dominik, Richard und hallo an eure Tochter, die auch alles miterleben musste wie es euch ging und geht.
    Liebe Maria, magst du mich mal anschreiben?
    Ich finde es unfassbar was noch immer in Krankenhäusern geschieht und wie unmenschlich (ist es das wirklich angesichts der Gewalt auf der ganzen Welt?) gehandelt wird.
    Bei der Frage, warum es zwei Arztbriefe für Richard gibt bin ich hellhörig geworden. Gut, dass wenigstens die Hebamme den Mumm hatte dir zu helfen! Wieviel bei solchen Behandlungsfehlern für die Zukunft zerstört wird, das will keiner eingestehen. Ich bin echt geschockt von dem ‚Fachpersonal‘.
    Melde dich bitte privat bei mir, wenn du möchtest, liebe Maria.
    Liebe Grüße, Katja

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