Ratschläge: gut gemeint – aber einfach doof!

Ratschläge: gut gemeint – aber einfach doof!

Immer wieder gibt es gut gemeinte Ratschläge oder Aufmunterungsversuche, doch es kommt leider bei Dominik als „Unverständnis“ an. „Es fühlt sich doof an, wenn jemand in 5 Minuten beurteilt, wie es mir geht!“, so Dominik. Es gibt aber auch Leute, die gar nicht wissen, ob und wie sie mit Dominik sprechen sollen, vielleicht kann ich das heute ein wenig erklären.

 

Ab und zu, an „guten“ Tagen, kann ich Dominik überzeugen, aus seinem Schneckenhaus – unserem Haus herauszukommen. Manchmal aber auch, das Telefon in die Hand zu nehmen und jemanden anzurufen. Derzeit ist das bei engsten Freunden oder der Familie möglich.

Wenn jemand dann zu Besuch kommt, oder Dominik mit mir zu jemanden fährt (das ist nach wie vor das schwierigste für ihn), ist oft das erste, was er zu hören bekommt: „Schaust eh schon gut aus!“ oder „Wie schön, dass es dir besser geht!“ Diese zwar gut gemeinten Aufmunterungsversuche kommen nicht so an, wie sie gemeint sind. Wenn sich Dominik aus dem Schneckenhaus hervortraut, bedeutet das unglaublich innerlichen Stress, Anspannung um „normal“ zu wirken und Selbstkontrolle um seine Angststörungen zu unterdrücken – nichts daran fühlt sich gut an – nichts davon fühlt sich eh schon besser an.

Es ist einfach ein unglaublich demütigendes Gefühl, wenn es einem innerlich fast zerreißt und die Menschen, zu denen er so viel Vertrauen hat, sie einzuladen oder sogar zu besuchen, reagieren mit diesen „gut gemeinten Floskeln“. Also an Alle, die mit depressiven Menschen zu tun haben, streicht diese Sätze aus eurem Small-Talk Repertoire.

Auch mit Sarkasmus kann Dominik nichts anfangen. Nachdem er in seinem Zustand nicht einschätzen kann, ob und wie weit etwas ernst gemeint ist, oder eben sarkastisch. Somit sind auch alle Aufmunterungsversuche die sarkastisch gestaltet werden, immer mit nachhinein einer Aufklärung meinerseits verbunden, wie derjenige das gemeint haben könnte – auch einfach mühsam.

Jemanden, der gar nicht weiß, wie man mit Dominik sprechen soll, kann ich nur raten: Smalltalk ja, Fragen über seinen Zustand – Nein, Ratschläge gar nicht!

 

Selbst mir als Ehefrau, zieht es alles zusammen, wenn jemand in den ersten 3 Minuten „Schaust heute eh gut aus!“ zu Dominik sagt, denn ich habe ja die Anspannung vorher miterlebt, sowie die Zweifel, ob er das überhaupt schaffen wird, jemanden zu treffen. Aber mittlerweile gibt es auch für mich einen Satz, den ich nicht mehr hören kann. Der ist auch liebt gemeint, löst aber schon fast Aggressionen bei mir aus. „Du musst auch auf dich schauen!“ Ich denke nur jemand, der mit einem psychisch kranken Menschen zusammenlebt, kann beurteilen, welche Herausforderung dies Tag für Tag ist und wieviel Energie dies raubt. Zusätzlich übernimmt man jegliche Aufgaben des Partners, versucht alles vor den Kindern abzuschirmen. Ich habe mittlerweile fast alles, was mir Spaß machte, aufgegeben, damit ich seine Angststörungen nicht noch mehr herausfordere und Tage, oder Sunden, die ich für mich verwende, sind immer mit schlechten Gewissen verbunden.

Somit kann ich nur sagen: „Schau auf dich – ja wie denn?“

 

Dominik hat auch schon viel mit Gerhard Huber darüber gesprochen. Der hatte schon viel Kontakt zu anderen Burnout- oder depressiven Menschen. Anscheinend geht es da jedem ähnlich. Man kann einfach nicht beurteilen, wie es den Menschen im inneren geht und sollte es auch nicht tun.

Maria

Auch Gerhard Huber schrieb ein paar Zeilen zu diesem Thema:

 

Für Angehörige ……

 

Wichtig für Angehörige ist einmal zu verstehen, dass der Lebenspartner, Mama oder Papa es in der Zeit wirklich nicht schaffen, die Kaffeetasse wegzuräumen, im Haushalt nur irgend etwas auf die Reihe zu bekommen, geschweige  denn seinen anderen Aufgaben nur irgendwie nachkommen zu können. Es geht zu diesen Zeiten tatsächlich nicht, weil zu diesen Zeiten nichts mehr geht nicht einmal mehr das einfachste. Und es gibt auch keine Wunderpille, die dies von einer Sekunde auf die andere ändern könnte.

 

Gut gemeinte Ratschläge, wie z. B. „das wird schon wieder“, „reiß dich zusammen“, „bemüh dich“, „du hast ja sonst auch immer alles geschafft, du wirst auch das schaffen“, obwohl bestimmt nur gemeint, verfehlen vollkommen das Ziel und sind sogar kontraproduktiv. Noch schlimmer und unproduktiver ist es, Druck aufzubauen und dem Betroffenen mit solchen Aussagen direkt oder auch indirekt zu drohen wie z.B. „Du musst das machen und du musst das andere machen“, „du musst die Medikamente nehmen oder du musst die anderen Medikamente nehmen“, „du musst zu dem Arzt, du musst zu dem Therapeuten, du musst ins Krankenhaus, du musst in die Klinik“, „du musst für deine Familie sorgen“ usw. usf. Erstens einmal geht es in diesen Zeiten tatsächlich nicht und zweitens hat ja gerade dieses ständige „müssen“, vielleicht sogar dieses ein Leben lang zu müssen, uns dort hin gebracht, wo wir jetzt sind, und jetzt muss man/frau schon wieder. Man kann es einfach nicht mehr hören und es macht Druck, ständigen Druck und Druck braucht man in dieser Zeit überhaupt keinen.

 

Sagen Sie ihr bitte nicht, sie muss an die frische Luft gehen, weil ihr die so gut tun wird. Sie schafft es in der Zeit nicht! Sagen Sie ihr: „Ich gehe eine Rund spazieren, hast du Lust mitzukommen?“. Sie wird es vielleicht zehnmal nicht schaffen, vielleicht nicht zwanzigmal, vielleicht nicht dreißig Mal, aber beim einunddreißigsten Mal wird sie es schaffen. Und das nächste Mal wird es nicht beim einunddreißigsten Mal sein, sondern beim dreißigsten.

 

Sagen Sie ihr bitte nicht, sie muss unter die Leute gehen, weil ihr das so gut tun wird. Sie schafft es nicht, auch da. Sagen Sie ihr: „Ich gehe eine Runde einkaufen, hast du Lust mitzukommen?“. Sie wird es vielleicht zehnmal nicht schaffen, vielleicht nicht zwanzigmal, vielleicht nicht dreißig Mal, aber beim einunddreißigsten Mal wird sie es schaffen. Und das nächste Mal wird es nicht beim einunddreißgsten Mal sein, sondern beim dreißigsten.

 

Wenn Sie jedoch im Glauben sind, weiter Druck auf den Betroffenen oder die Betroffene ausüben zu dürfen und nicht aufhören werden, Ihrer Lebenspartnerin, Ihrem Lebenspartner oder wer auch immer in Ihrem Umfeld davon betroffen ist, ständig zu sagen, was er oder sie tun muss, dann wird er oder sie irgendwann eine riesengroße Mauer um sich aufbauen und dann erreichen Sie ihn überhaupt nicht mehr.

 

Daher und abschließend: Weniger ist mehr! Sagen Sie ihr einfach, dass Sie sie lieben und dass Sie immer für Sie dasein werden. Dass er kein Versager ist (man glaubt das in der Zeit nämlich). Dass er Sie jederzeit anrufen kann, wann er möchte, wann auch immer das sein mag. Und wenn er/sie sich zurückziehen will, dann akzeptieren Sie das bitte mit einer Selbstverständlichkeit. Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Sie braucht in der Zeit oder der Situation einfach Ruhe und Abstand. Sie ist einfach total überfordert und fertiggefahren und ihr Körper sagt es ihr: „Ich brauche Ruhe! Ich brauche Abstand!“ Und hören Sie bitte unbedingt auf Ihren Körper, er sagt es Ihnen. Er sagt Ihnen alles, was Sie brauchen oder nicht brauchen!

 

Gerhard

Posted on: 2017-03-03Maria Peltier

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