Kann es nach 5 Jahren nicht einfach mal „normal“ sein?

Kann es nach 5 Jahren nicht einfach mal „normal“ sein?

Seit 5 Jahre, kämpfe ich jeden Jahr dafür, meinem Sohn einen halbwegs normalen Geburtstag zu bereiten und jedes Jahr wieder habe ich das Gefühl, versagt zu haben. Letztes Jahr war der erste Geburtstag, der mich nicht schon Tage vorher aus der Bahn warf und ich dachte, ich würde es schaffen. Doch letztes Jahr war der Geburtstag schon geprägt von Dominiks Psychosen, und er vergrub sich zu dieser Zeit nur in Arbeit.

Meine Gefühle, die Organisation des Geburtstags und alles rundherum blieb bei mir hängen und ich kann mich erinnern, als ich am Abend zu ihm sagte: „ Wenn ich dir nicht gesagt hätte, was in den Packerln ist, hättest du nicht mal gewusst, was unser Sohn von uns zum Geburtstag bekommt.“ So war es auch. Es schien ihn nicht zu interessieren und das verletzte mich damals ungemein. Heute weiß ich, dass zu dieser Zeit, quasi der Endspurt vor seinem Zusammenbruch war, damals erkannte ich ihn nicht als meinen Mann wieder. Der vierte Geburtstag war geprägt von Beziehungsproblemen, zu viel Arbeit und Psychosen. Meine Enttäuschung war groß, trotzdem es mir besser ging, wieder keine Normalität an diesem Tag zu schaffen.

Heuer, der fünfte Geburtstag. Ein, zwei Wochen vorher, hatte ich das Gefühl, Dominik bekommt ein wenig Boden unter den Füßen und ich dachte, dieses Mal könnte ich es schaffen, den kleinen Mann ein „normales“ Fest zu gestalten. Doch ein paar Tagen, vor Richards Geburtstag, kam ein Brief ins Haus, der Dominik wieder so die Füße ausriss. Ich versuchte gemeinsam mit der Therapeutin, Dominik wieder zu stabilisieren, ihm zu zeigen, dass dies nur ein Brief war, nichts schlimmes, nichts! Ich tu mir extrem schwer, dies nach zu vollziehen und ich glaube auch, dass dies niemand kann, der nicht unter solch Angststörungen und Depressionen litt. Auch die Therapeutin, hatte die Befürchtung, dass ihn dies wieder in seine Psychosen treiben könnte.

Passend dazu, war die Woche vor und auch die Tage nach Richards Geburtstag unglaublich viel los und ich somit viel unterwegs, dass ja auch nicht zur Verbesserung von Dominiks Zustand beiträgt. Aber ich kann nicht nur mehr zu Hause sitzen, ich verliere mich selbst, wenn ich mich 100 Prozentig aufgebe und ich brauche, ein Gefühl von Normalität, einfach einmal einen Abend, wo es nicht um das übliche Thema geht, einfach mal lachen, ohne an die Schwierigkeiten des derzeitigen Lebens zu denken. Ich brauche das, um meine Ressourcen zu füllen, um zu Hause stark sein zu können.

Der 26.4. war stark für mich. Ich war gewohnt, dass ich meine Erinnerungen an diesem Tag, mit mir selbst ausmache. Diesmal, war jemand da, der selbst keinen Boden unter den Füßen hatte und mich ständig fragte, wie es mir geht. Mag ich nicht! Ich will doch nur einfach den Raum haben, einmal eine Runde zu heulen, um alles rauszulassen und dann wieder meine „Alles ist so toll“-Maske aufzusetzen, damit weder Richard, noch die Familie was merkt. Unser Sohn, hatte sich den Start ins Leben erkämpfen müssen, ich finde, er hat jedes Recht, diesen Kampf gebührend zu feiern. Ich gab mein Bestes und wie üblich hielt meine Maske, bis Richard im Bett war und die Gäste gingen. Dominik kämpfe mit Zuckungen, verkroch sich in der Küche, seine Sozialphobie war wieder da, ähnlich wie Weihnachten.

Ehrlich, für mich ist es einfach nur anstrengend, ich kann es nicht verstehen, es macht mich sogar manchmal sehr wütend. Kann es nach 5 Jahren, nicht einfach mal „normal“ sein? Wird ich es jemals schaffen, unseren Sohn einen „normalen“ Geburtstag zu bereiten, der nicht geprägt ist von irgendeinem psychischen Knacks seiner Eltern?

Ich weiß es nicht. Momentan tu ich mir prinzipiell sehr schwer mit dem positiven Denken. Eigentlich bin ich ja ein sehr optimistischer Mensch. Derzeit finde ich einfach nur alles mühsam. Ein Jahr ist es jetzt her, nicht ein Jahr, wo Dominik im Krankenstand ist, aber ein Jahr, wo er sich grundlegend verändert hat. Seine Psychosen trieben unsere Ehe damals an den Rand des machbaren. Seine Sozialphobie isolierte uns immer mehr und seine Vorwürfe, Kontrollen und zuletzt auch sein Selbstmordplan, brachte mich fast um den Verstand. Ich frage mich immer wieder, ob jemals die Zeit kommen wird, wo ich mal wieder leben darf, wo es auch mal um mich geht, wo ich sein darf, wer ich bin.

Ich war die letzte Woche, wie schon geschrieben, viel unterwegs und ich merke einerseits wie gut es tut, andererseits, habe ich es satt, egal wo ich hingehe, es geht nur um Dominik. Er versteckt sich vor der Öffentlichkeit, ich darf das für ihn erledigen. „Wie geht es Dominik? Wie steht es ums Projekt? Wie ist es soweit gekommen? Hätte man das nicht früher erkennen können? …“,  jeder fragt. Und ich? Eigentlich versuche ich ein, soweit es mir gelingt, normales Leben zu führen, zumindest außerhalb unseres Hauses, aber wie soll das funktionieren, wenn ich auch von allen anderen nur über Dominik ausgefragt werde. Die einzige Zeit, wo ich ich sein kann, sind derzeit meine Ausbildungen. Da kannte mich vorher keiner, da erkennt niemand, dass mein Lächeln nicht einfach nur aufgesetzt ist, da geht es nicht um das Projekt, oder um Dominik, da reden die Leute mit mir, haben Spaß mit mir, weil ich es bin.

Ich weiß, mein Beitrag heute lest sich wahrscheinlich voll depri, bin ich nicht, bin nur gefrustet. Aber ich denke, nach einem harten Jahr, wo ich versucht habe, tagtäglich, meine Kinder aufzubauen und Dominik zu stützen, darf ich jetzt auch mal gefrustet sein. Ich denke, meinen Frust zu überwinden wird meine nächste Lebensherausforderung, oder meine nächste Prüfung, die mir das Leben stellt – ich würde mich jetzt aber mal echt freuen, wenn die Prüfungen des Lebens mal aufhören, ich denke, schön langsam hab ich genug davon abbekommen.

Maria

Posted on: 2017-05-04Maria Peltier

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