Laura Adrian – Ich bin zwar „erst“ Mitte 20 – aber habe bereits jetzt über 500 Seiten Lebensgeschichte!

Laura Adrian – Ich bin zwar „erst“ Mitte 20 – aber habe bereits jetzt über 500 Seiten Lebensgeschichte!

Foto: Peter Zell

Hallo, mein Name ist Laura Adrian, ich werde im April 25 Jahre alt, wohne in Deutschland und bin als freiberufliche Autorin tätig. Auf den ersten Blick wirke ich wie eine ganz normale junge Frau. Aber spätestens wenn ich meinen Pulli ausziehe und nur noch T-Shirt trage, wird aus dieser „normalen“ Frau eine „verrückte“. Meine Arme – oder eigentlich mein gesamter Körper – ist nämlich von tiefen Selbstverletzungsnarben gezeichnet… Warum ich das getan habe? Naja, wenn ich den ganzen Vorurteilen glauben würde, dann habe ich mich aus reinen Spaß an der Freude selbstverletzt oder weil ich im Mittelpunkt stehen wollte. Es ist immer traurig zu hören, dass fremde Leute, die lediglich meine Narben sehen, schon wissen, was ich alles in meinem Leben erlebt habe! Ich werde direkt in eine Schublade gesteckt, bekomme gar keine Möglichkeit mich zu erklären oder der Umgang mit mir wird direkt vermieden, weil man nicht weiß, wie man mit so jemand „kranken“ wie mir umgehen soll. So etwas tut immer verdammt weh! Denn auch wenn ich eine „krasse“ Vergangenheit habe, irgendwelche Diagnosen auf dem Papier stehen, ich mit meinen Narben anders aussehe – so bin und bleibe ich in erster Linie weiterhin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich bin nicht weniger wert wie andere Menschen, man kann genauso mit mir reden, mit mir lachen, Spaß haben, Abenteuer erleben etc.. Deshalb ist es beim Umgang mit mir mein größter Wunsch „normal“ behandelt zu werden. Und wer meine Vergangenheit kennt, der versteht auch, wieso ich Narben an meinem Körper trage. Diese Narben sind nämlich „Kriegsverletzungen“. Kriegsverletzungen von einem Krieg, denn ich gegen mich selbst, gegen meine Vergangenheit, meine Erinnerungen und mein Leben geführt habe.

 

Foto: Laura Adrian

Ich bin zwar „erst“ Mitte 20 – aber habe bereits jetzt über 500 Seiten Lebensgeschichte!

 

Als ich 2012 anfing meine Lebensgeschichte in Buchform niederzuschreiben wusste ich zwar, dass ich einiges erlebt habe, aber das es am Ende bei der Veröffentlichung über 500 Seiten werden würden, hätte ich nicht gedacht. Im Scherz sage ich zwar oftmals: „Mein Leben verlief normal, doch dann wurde ich eingeschult“, aber wie viel Wahrheit dahinter steckt, wussten die wenigsten.

In der Grundschule wurde ich schon gehänselt, in der Realschule dann gemobbt, mit 13 Jahren erlebte ich einen sexuellen Missbrauch und danach kam es noch zu weiteren Übergriffen. Bereits mit 14 befand ich mich in einer Hölle, die ich niemanden wünsche. Aus meinem Leben wurde schlagartig ein Überleben. Ich war zu eingeschüchtert, zu verzweifelt, zu verängstigt, zu emotional Abhängig von den Tätern als dass ich mich hätte wehren können. Ich nahm es einfach hin und versuchte irgendwie nicht daran zugrunde zu gehen. Ich flüchtete mich erst in die Magersucht und später in die Bulimie und begann mir die Arme aufzuritzen: Heute weiß ich, dass das nicht die beste Strategie war und dass dieses Verhalten „krank“ ist, aber damals hat es mir das Leben gerettet. Die Magersucht gab mir Halt (das Leben ist unkontrollierbar und unberechenbar, doch durch die Magersucht konnte ich maximale Kontrolle über meinen Körper ausüben), die Bulimie gab mir Sicherheit (auch wenn ich mal zu viel esse, kann ich es wieder rauskotzen und zudem noch mich selbst bestrafen, denn Kotzen war für mich ebenfalls ein massiver Ausdruck von Selbsthass) und mit Selbstverletzung konnte ich meinen inneren Schmerz sichtbar machen (es ist immer leichter einen Schmerz den man sieht zu behandeln als eine Wunde, die weh tut, aber die man nicht sieht). Natürlich gab es noch andere Argumente wieso ich an diesen Krankheiten festhielt, aber das zu erklären würde den Rahmen hier eindeutig mengenmäßig sprengen.

 

Foto: Laura Adrian

Anfangs gab mir die Essstörung sehr viel positives – zum Schluss nahm sie mir alles…

 

Mit 16 Jahren und 35 Kilo bei einer Körpergröße von 1,67m wurde ich das erste Mal in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen. Weitere Klinikaufenthalte folgten. Wie viele es im Endeffekt waren weiß ich gar nicht mehr. Irgendwann hört man auf zu zählen. Genauso wie man aufhört zu zählen wie häufig man zu hören bekommt, dass man es nie schaffen wird gesund zu werden. Ja, bereits vor meinen 18. Lebensjahren war ich schon ein sogenannter „hoffnungsloser Fall“…

Mit 19 Jahren zog ich für drei Jahre in eine betreute Wohngruppe. Angeblich waren dort die Betreuer auf so Leute wie mich spezialisiert. Naja, ich landete wieder in unzähligen Kliniken… Das lag jedoch nicht an den Betreuern dort, sondern an meiner mangelnden Bereitschaft leben zu wollen. Ich lebte für meine Krankheiten. Ich machte die Diagnosen und die Symptome zu meinem Lebensmittelpunkt. Und wenn man den gesamten Tag ausschließlich an Selbstmord, Rasierklingen, Gewicht, Kalorien etc. denkt, dann hat man kaum Gedanken frei und Zeit an etwas anderes zu denken…

Ich drehte mich jahrelang im Kreis. Fünf Schritte vor, drei zurück, einen nach rechts, einen nach vorne, wieder drei zurück, einen nach links und wieder von vorne. Tabletten halfen nichts, Therapien blieben wirkungslos. Alles war sinnlos. Bis ich 2012 erneut mit massivem Untergewicht im Krankenhaus landete. Wieder einmal war ich dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen. Und da wurde es mir plötzlich bewusst: Dieses scheiß verdammte Leben musste doch noch irgendwas zu bieten haben? Klinken, Zwangsmaßnahmen, Zimmerarreste, Wohngruppe, Psychologen konnten doch nicht alles sein, was es im Leben gibt, oder?

Wenn ich jetzt, in diesem Augenblick mir nicht selbst in den Hintern treten würde, würde ich nie erfahren, was sich hinter der anderen Seite der Psychiatriemauern befindet. Sterben funktionierte nicht, also musste ich leben!

 

Foto: Peter Zell

Mein Lebensmotto: „Zeige denen, die dich fallen sehen wollen, dass du fliegen kannst!“

 

Ich legte einen Senkrechtstart hin und aus meinem Selbsthass wurde Ehrgeiz. Den Menschen, die mich scheitern sehen wollten zu zeigen, dass ich nicht scheitern würde!

Ich machte das unmögliche möglich!

Heute habe ich Normalgewicht, wohne in einer eigenen Wohnung, kann meine Borderlinediagnose positiv sehen, habe es gewagt mich als Autorin selbstständig zu machen, eigene Bücher zu schreiben, ein eigenes Magazin zu gründen,… und noch vieles mehr.

Laura

 

Lauras Biografie (K)ein Leben mit Borderline und Essstörung könnt ihr über diesen Link kaufen. Im ihrem zweiten Buch Die Kunst, ein Stachelschwein zu umarmen beschreibt sie wie man mit Borderline Erkrankten umgehen kann.

Posted on: 2017-04-02Maria Peltier

3 Gedanken zu „Laura Adrian – Ich bin zwar „erst“ Mitte 20 – aber habe bereits jetzt über 500 Seiten Lebensgeschichte!

  1. Vielen Dank Laura, dass Du deine Lebensgeschichte mit uns teilst! Du kannst wirklich stolz auf deine positive Entwicklung sein! 🙂 Mache weiter so! Wir stehen dir alle moralisch bei!!! Alles Liebe, Erfolg und ganz viel Kraft!!

    Liebe Grüße,
    Yun

  2. Mache im Leben weiterhin das unmögliche möglich. Stehe mitten in deinem Leben und spüre deine Lebenskraft. Das wünsche ich dir in den weiteren Lebensjahren. Ich werde im Mai 70. und meine Motto, der Sinn des Lebens – LEBEN.

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