Stefan Lange – „Über Depression und Suizid spricht man nicht, ich schon …“

Stefan Lange – „Über Depression und Suizid spricht man nicht, ich schon …“

»Über Depression und Suizid spricht man nicht, ich schon …«

 

Hallo zusammen, meine Name ist Stefan Lange und ich bin 52 Jahre alt, Deutsch-Schweizer und ich pendle zwischen diesen beiden Ländern hin und her.

Dass ich einmal ein Buch schreiben würde, aus dem ein Theaterstück wird, oder Protagonist in einer YouTube-Serie, damit hätte ich niemals gerechnet, aber es ist immer so, wie es heisst: »unverhofft, kommt oft«, denn das Leben ist trotz unseres Sicherheitsdenkens und einer Planung eben nicht vorhersehbar. Doch der Reihe nach …

Ich bin manisch-depressiv und eigentlich kann ich mich nicht daran erinnern, dass es einmal anders gewesen ist. Ich dachte, dass die Hochs und Tiefs zu meinem Leben gehören, wie das Ein- und Ausatmen.

Aufgewachsen bin ich mit Gewalt im Elternhaus, nicht nur physischer Gewalt, sondern auch psychischer Gewalt wie Ablehnung und Zurückweisung. So sehr ich in meinen Erinnerungen krame, habe ich keine Erinnerungen daran, als Kind jemals in den Arm genommen oder getröstet worden zu sein. Einer der schönsten Tage in meinem Leben, ich war knapp sechs Jahre alt, war, als mein Vater gestorben ist und mir bewusst wurde, dass ich niemals wieder von ihm geschlagen werde. Aber die Sehnsucht nach einem Vater, oder dem väterlichen Akzeptiertsein, blieb und so habe ich mich damals, ich war dreizehn, an einen väterlichen Freund angelehnt und wurde missbraucht.

Diese Traumata habe ich alle unter einer Maske verborgen, bloss stark sein, keine Schwäche zeigen oder jemanden wissen lassen, wie verletzt ich war. Nach aussen sah alles gut aus, ein lustiger Kerl, der seinen Weg im Leben machen würde. Auf dem Lebenslauf sieht das auch alles passabel aus: Schulzeit, Lehre als Kaufmann und dann schliesslich das Studium der Betriebswirtschaftslehre. Mehrere Auslandsaufenthalte (Spanien, Japan), sechssprachig – eine internationale Karriere in einem Konzern schien vorprogrammiert.

Doch innen drin war vieles kaputt. Im Sommer 1994 bin ich nach Sevilla gefahren, um meine Spanischkenntnisse an der Handelskammer zu vertiefen, doch ich sollte noch ganz andere Tiefen erleben. Die Begegnung mit einer Frau entwickelte sich zu einer sehr symbiotischen Beziehung. Sie ist mir sehr nahe gekommen, vielleicht zu nahe? Das alles vergleiche ich noch heute mit einer Drogensucht. Bevor wir uns völlig ineinander verloren haben, hatte sie die Beziehung abgebrochen. Vielleicht war das die richtige Entscheidung für sie, aber leider nicht für mich. Innerhalb von nur sechs Wochen bin ich komplett zusammengebrochen, das Programm »Selbstzerstörung« wurde gezündet und den Versuch, mir das Leben zu nehmen, habe ich mit viel Glück überlebt. Das sage ich heute, aber bis dahin war es ein langer Weg.

Nach dem Suizidversuch lebte ich monatelang in einer noch schwereren Depression mit Tabletten und Alkoholmissbrauch. Eine gute Freundin, der ich zufällig in der Stadt begegnete, hat mich aufgefangen und sie blieb an meiner Seite, bis ich davon überzeugt war, dass es mit professioneller Hilfe besser werden könnte. Der Therapeut war recht schockiert über meinen Zustand und riet mir, die negative, zerstörerische Energie durch das Schreiben aufzulösen. Ich habe fast sechs Wochen lang Tag und Nacht geschrieben, erst danach war ich überhaupt therapiewillig und auch therapiefähig.

Aus diesen Aufzeichnungen ist später mein Buch SUICIDE entstanden, das es schon einige Jahre gibt. Aber wir fangen gerade erst an, die Themen Depression und vor allem Suizid aus dem Dunstkreis des Tabus zu befreien. Erst jetzt entsteht, mehr oder weniger, ein öffentliches Interesse an Geschichten von Menschen, die diese Hölle durchlebt haben. Das ist gut so, und es braucht noch viel mehr Menschen, die ihre Geschichte erzählen, denn eigentlich bin ich es leid, mich verstecken zu müssen aus Angst, mit Vorurteilen oder sonstigen Stereotypen belegt zu werden. Und ich möchte andere Menschen dazu bewegen, sich ebenfalls zu öffnen, einfach diese Scham zu überwinden.

Diese Beziehung und die Trennung war ein schweres Trauma für mich, das ich wohl nie ganz überwinden werde. Das zeigte sich schon daran, dass ich 2015 einen schweren Rückfall erlitten habe. Susanne, so hiess sie, und ich, haben uns nach dem Alptraum nie wieder gesehen. Aber in die Lücke aus dem »Nicht-wirklich-gewollt-Haben« und dem »Tatsächlich-getan-Haben« fiel sehr viel Schuld hinein. Leider hat es nie eine Gelegenheit gegeben, nochmals in Frieden auseinanderzugehen. Im April 2015 wurde mir anonym mitgeteilt, dass Susanne an Krebs gestorben ist. Die ganzen Gefühle von damals kamen wieder hoch, so massiv, dass ich mir sogar professionelle Hilfe suchen musste, um nicht wieder in den Zustand durchzurauschen, in dem die Todessehnsucht regiert und dich einhüllt.

Ich habe tagelang Selbstgespräche geführt, mich mit Händen und Füssen gegen den erneuten Fall gewehrt. Irgendwie wollt ich diese Gedanken und Gefühle konservieren, aufzeichnen. Vielleicht mit einer Videocam? Ich hatte keine Ahnung, wie ich das tun sollte. Zufällig sah ich im Vorabendprogramm einen Bericht über eine YouTube-Serie, in der ein ehemals Drogensüchtiger aus seinem Leben erzählte, von Sucht und Raubüberfällen, Knast und Rückfällen. In über 380 Folgen erzählt »$ick« aus seinem Leben. Dafür wurde die Serie »Shore, Stein, Papier« mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet, einem sehr renommierten Medienpreis in Deutschland.

Ich habe die Redaktion in der Hoffnung angeschrieben, dass sie mir vielleicht ein paar Tipps bezüglich YouTube geben könnten. Aber es kam anders als erhofft, wie sooft eben. Der Redakteur war an meiner Geschichte interessiert, lud mich zu Probeaufnahmen ein und drei Wochen später kam von dem Inhaber des YouTube-Kanals ZQNCE (gesprochen: Sequence) das O.k., eine Biographie-Serie über mein Leben zu produzieren. Titel: »Komm, lieber Tod« (Streifzüge durch ein Leben mit der Todessehnsucht). Insgesamt sind es 60 Teile geworden und die ganze Serie verzeichnet inzwischen über 1 Millionen Aufrufe. Die Rückmeldungen der Zuschauer, betroffen oder nicht, sind sehr beeindruckend und ermutigend. Wenn Dir jemand schreibt, dass er nach der Serie von der Idee, sich das Leben zu nehmen, Abstand genommen hat, kann ich nicht in Worten ausdrücken, was mir das bedeutet. Und ich habe viele Nachrichten und E-Mails erhalten, weit über 500.

Über einige Ecken ist der Kontakt zu einem Münchner Theaterregisseur entstanden, der mein Buch auf die Bretter gebracht hat, die die Welt bedeuten. Das Theaterstück heisst »Drei Monate und ein Tag« (wie der Untertitel meines Buches) und gehört zum festen Bestandteil der Lichtbühne München. Ich habe das Stück selbst zweimal gesehen und es ist fast schizophren, wenn ich im Zuschauerraum sitze und mir einen Teil meines Lebens anschaue. Die drei Darsteller spielen die Geschichte mit einer solchen Intensität, die mich förmlich sprachlos macht. Aber es geht dem Ensemble nicht nur um die Adaption eines Buches, sondern auch um ein wichtiges Thema. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit, dass sich die Lichtbühne meiner Buchvorlage angenommen hat.

Lichtbühne München

Und so werde ich weitermachen, denn für mich ist es zu einer Mission geworden, ohne missionieren zu wollen. Ich erzähle einfach meine Geschichte, unter der ich noch immer leide, aber dadurch, dass ich etwas weitergebe, bekomme ich auch etwas zurück. Es stellt mich in eine Mitte, und das ist ein Ausgleich, nach dem ich bewusst suche.

Fotoquelle: Matthias Bauch & Marcus Jäck

Posted on: 2017-05-01Maria Peltier

2 Gedanken zu „Stefan Lange – „Über Depression und Suizid spricht man nicht, ich schon …“

  1. Vielen Dank an Dominik Peltier, dass ich mich hier vorstellen durfte. Ich freue mich sehr auf einen weiteren Austausch und viele spannende Begegnungen und Projekte. Alles Gute für Dich! LG Stefan

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